Deutsche Sprache, tote Sprache?

So titelt diese Woche das Zentralorgan der deutschen Betroffenheitskultur. Leichtsinnigerweise habe dann doch zugegriffen und musste also zuhause, nicht zuletzt um die Ausgabe von SEK 50,- zu rechtfertigen, den mit “Die verkaufte Sprache” überschriebenen Artikel lesen.

Das Veränderung generell schlecht ist, dass behauptet der Autor ja dann doch nicht, aber es gibt gute und böse Veränderungen. Klar dass heutzutage auch die Veränderungen nicht mehr das sind, was sie mal waren (Verbesserungen), sondern ein hin zur Gosse. Nicht dass ich mich nicht aufregen würde über dumme Anglizismen von Leuten, deren Englisch, wie man bei der ersten Gelegenheit feststellen muss, eher bescheiden ist. Aber der generelle Weltuntergangsduktus gefällt mir dann doch nicht.

Eine Kostprobe über die gute Veränderung des Deutschen:

Den zweiten Schub besorgten Humanismus und Reformation, als die Syntax dem Lateinischen anverwandelt wurde. Man vergleiche die einfachen Satzmuster des Mittelhochdeutschen mit dem Frühneuhochdeutschen, erst recht aber mit dem barocken Deutsch, in dem die Hypotaxen, die Partizipialkonstruktionen und Verschachtelungen geradezu explodieren. Die Sprache eines Kleist oder Hegel wäre ohne diese syntaktische Überfremdung nicht denkbar.

Da muss ich doch gleich mal aufhorchen. Hegel war, wie in Deutschland viel zu wenig bekannt, einer der schlimmsten Scharlatane und Sprachschänder (und außerdem Wegbereiter von Nationalsozialismus und Kommunismus). Zum Beweise eine weitere Kostprobe diesmal aus Hegels Encyklopädie:

§302. Der Klang ist der Wechsel des spezifischen Auseinanderseins der materiellen Teile und des Negiertseins derselben;- nur abstrakte oder sozusagen nur ideelle Idealität dieses Spezischen. Aber dieser Wechsel ist hiermit selbst unmittelbar die Negation des materiellen spezifischen Bestehens; diese ist damit reale Idelealität der spezifischen Schwere und Kohäsion,- Wärme. Die Erhitzung der klingenden Körper, wie der geschlagenen, auch der aneinandergeriebenen, ist die Erscheinung von der dem Begriffe nach mit dem Klange entstehenden Wärme.

Dieser Unfug ist also die gute alte neue deutsche Sprache? Doch lesen wir noch eine Perle aus dem genannten Artikel:

Der Geist eines ridikülen Marketings, der in der Managersprache steckt, will Exklusivität, die elitäre Anmutung eines arkanen Wissensvorsprungs.

Alles gut und richtig, aber der Autor befleißigt sich natürlich selbst einer Angebersprache – natürlich der richtigen. Ich denke es hat zu allen Zeiten Schwafler gegeben, ob die jetzt Deutsch oder Englisch schwafeln, ist mir herzlich egal. Gerade die Autoren des zitierten Blatts, machen doch oft sprachliche Kunststückchen, die das Publikum beeindrucken sollen und manchmal doch recht dürftigen Inhalt kleiden. Nicht zuletzt muss man natürlich sagen, dass Deutsch eben keine tote Sprache ist und sich deshalb
verändert.

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One Response to Deutsche Sprache, tote Sprache?

  1. Torsten says:

    Sehr erhellend ist ja die Vokabel im ersten Zitat: “Überfremdung”. Die Lieblingsvokabel aller “Wertkonservativen”, wenn sie sich nicht trauen direkt aus “Mein Krampf” zu zitieren. Und das bei der Zeit.

    Gerade “Hypotaxen” und “Partizipialkonstruktionen” gegoogelt. Ja, doch, ich erinnere mich. Klingt ganz nach Kleist, der in einem Reclam-Heftchen einen Satz oben auf der Seite begann und in der Mitte der folgenden Seite zu Ende brachte. “Michael Koolhaas”: eigentlich ein klasse Beispiel gegen das vom Zeit-Autor so geliebte Deutsch: Ein heute gerade wieder aktuelles Thema (Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat, Behördenwillkür und ziviler Ungehorsam usw.), aber leider in einer Sprache verpackt, die einem Nicht-Germanisten absolut unzugänglich ist.

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